„Dirty John“: Wenn Liebe blind macht

Netflix spielt nur kurz nach „You“ erneut mit der Liebe: In „Dirty John“ entpuppt sich ein vermeintlicher Gentleman als gemeingefährlicher Betrüger …

Die gut situierte Innenausstatterin Debra Newell (Connie Britton, „Nashville“) sucht die Liebe ihres Lebens, übers Online-Dating chattet sie mit mehreren Männern, immer und immer wieder. Immer und immer wieder mit mehr oder weniger großen Enttäuschungen. Bis ihr eines Tages der vermeintlich Richtige gegenübersitzt: Charmant, witzig, charismatisch – all das ist John Meehan (Eric Bana, „Hulk“), der als Anästhesist noch dazu einen verantwortungsvollen Beruf hat. Alles scheint also perfekt zu sein. Zu perfekt vielleicht? Auf diesen Gedanken kommt Debra zunächst nicht, auch wenn es schon beim ersten Treffen einige merkwürdige Momente gibt.

„Dirty John“ ist seit dem 14. Februar, bezeichnenderweise Valentinstag, bei Netflix abrufbar. Der Streaming-Dienst hat sich die internationalen Rechte an der achtteiligen Produktion gesichert, die in den USA bei dem kleinen US-Kabelsender Bravo lief. Alexandra Cunningham, eine der Produzentinnen der „Desperate Housewives“, steckt hinter dem Format. Die Geschichte beruht übrigens auf wahren Begebenheiten, die L.A. Times hat die Story im Oktober 2017 groß rausgebracht und einen sehr erfolgreichen True-Crime-Podcast dazu gemacht. Nun also die Adaption fürs Fernsehen, die dem Abspann zufolge selbstredend auf Überdramatisierung setzt. Eine zweite Staffel ist bereits beschlossene Sache, dann wird aber ein anderer Kriminalfall aufgerollt.

Auf einmal geht alles Schlag auf Schlag: Nach nur fünf Wochen sind Debra und John ein augenscheinlich glückliches Ehepaar, ziehen gemeinsam in eine Luxus-Villa. Zu sehr schaut Debra durch die rosarote Brille; lässt sich auch nicht beirren von ihren Töchtern Veronica (Juno Temple, „Vinyl“) und Terra (Julia Garner, „Ozark“), die den Braten schon aus hundert Metern Entfernung riechen und vermuten, dass John in Wahrheit nur hinter Debras Vermögen her ist und noch viel mehr als das auf dem Kerbholz hat. Zusätzliche Vorausblenden mit Brittons in dieser Serie obligatorisch-entgeistertem Gesichtsausdruck sagen voraus, dass das auch bald Debra einsehen muss.

Glücklicherweise ändert sich Debras Sichtweise also im Verlauf der ersten Folgen dann doch etwas und es läuft nicht darauf hinaus, dass es erst zum bitteren Ende das böse Erwachen gibt und alle anderen um sie herum die ganze Zeit schlauer sind. Nein, das böse Erwachen gibt es schon früher – wie Debra damit allerdings umgeht, ist eine andere Frage. Zu sehr scheint sie sich an der Vorstellung klammern zu wollen, dass das doch nicht alles real sein kann: Vielleicht empfindet John wirklich etwas für sie, trotz all der Lügen? Letztendlich sieht man eben immer nur das, was man gerne sehen will. Besonders dann, wenn man sich nach Liebe sehnt. Doch Debras Leichtgläubigkeit kann schon mal schnell nerven.

Meehan macht es seinen Opfern aber auch nicht leicht: Er lügt schließlich wie ein gedrucktes Buch, und das kann er wirklich hervorragend: Er erzählt ausgiebig über seine frei erfundene Zeit im Irak-Krieg, hat für alles eine passende Erklärung und gibt sich Debra und ihrer Familie gegenüber fürsorglich. Besonders stark sind dann die Momente, in denen Meehans wahres Gesicht zum Vorschein kommt; das Gefälle im Vergleich zu seinem Schein-Sein ist eben unfassbar groß. Obwohl man es als Zuschauer bereits besser wissen müsste, erst in diesen Momenten wird einem die von ihm ausgehende Gefahr noch einmal richtig bewusst.

Schade ist, dass insbesondere der Bösewicht Meehan unterm Strich recht blass bleibt. Aber auch Brittons Charakter hätte viel mehr hergeben müssen, ähnlich wie bei „9-1-1“ wird ihr schauspielerisches Potenzial hier eher verschenkt. Alles in allem ist „Dirty John“ also keine per se schlechte Serie, aber der ganz große Wurf ist sie sicherlich auch nicht. Dafür sind die acht Folgen relativ kurzweilig und für ein weniger romantisches Wochenende gut einsetzbar.

Dieser Text erschien auch auf Quotenmeter.de.

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