Mystery-Thrillerserie „Fortitude“: Schnee, Geheimnisse, Todesfälle

Eis, Schnee, Kälte: Eine Serie mit düsterem Winter-Look gucken, wenn die Sonne die Wohnung im Dachgeschoss auf bis zu 28 Grad erhitzt? Das ist eigentlich gar nicht mein Fall. Wenn ich solche Serien sehe, will ich mich in eine warme Decke einmummeln – aber nicht dabei schwitzen. (Ich kann das Problem von Quotenmeter-Kollege Julian Miller also voll und ganz nachvollziehen, wenn er meint, im Sommer sei es ihm zu warm für die Black Lodge.) Nun, genau wie bei „Twin Peaks“ habe ich jedoch auch bei „Fortitude“ eine Ausnahme gemacht. Das mir zu einem Spottpreis hinterhergeworfene Sky Ticket wollte noch genutzt werden und da ich im Vorfeld bereits viel Lob für diese relativ unbeachtete Mystery-Thrillerserie gehört habe, konnte ich es mir dann doch nicht verkneifen. Und was soll ich sagen: Es hat sich gelohnt!

„Fortitude“ – das ist der angeblich sicherste Ort dieser Welt, abgeschieden vom Festland in der Arktis Norwegens. Die Verbrechensrate liegt bei null Prozent. Denn hier kennen sich alle untereinander: die Forscher, die Arbeiter und die Polizisten. Doch diese Idylle ist eines Tages vorbei … Gleich zu Beginn sehen wir eine Sequenz, in der ein Mann bei lebendigem Leib von einem Eisbären zerfetzt wird. Der an Krebs erkrankte Landschaftsfotograf Henry Tyson (Michael Gambon) erlöst den Mann schließlich durch einen gezielten Schuss in den Kopf. Das könnte man als einen tragischen Unfall mit einem Eisbären abtun. Oder nicht?

Eher weniger nach einem Unfall mutet das nächste Schreckensszenario an: Der Wissenschaftler Charlie Stoddart (gespielt vom wunderbaren Christopher Eccleston, „The Leftovers“!) wird tot in seiner Wohnung aufgefunden, regelrecht aufgeschlitzt. Brisant: Wenige Stunden zuvor hat Stoddart von einer spektakulären Entdeckung erfahren, Teile eines Mammuts wurden gefunden. In Verdacht kommt deswegen etwa Gouverneurin Hildur Odegard (Sofie Gråbøl), deren Eishotel-Projekt durch diesen Fund in Gefahr geraten wäre. Hat sie Stoddart auf dem Gewissen? Oder war es der neu hinzugezogene Student Vincent Rattrey (Luke Treadaway), der Stoddart tot aufgefunden hat? Plötzlich gibt es also viel zu tun für den Sheriff Dan Anderssen (Richard Dormer, „Game of Thrones“).

Niemand weiß so genau, ob Dan ein guter Cop oder ein schlechter Cop ist. Wir Zuschauer ebenso wenig. Dass Dan bei fast jedem Tatort direkt sehr schnell an Ort und Stelle ist, sollte uns jedenfalls stutzig machen. Ist er in irgendetwas verwickelt? Unter anderem dieser Frage geht DCI Eugene Morton (Stanley Tucci) nach, der dafür extra von London nach „Fortitude“ verfrachtet wurde. Von Anfang an behält Morton einen kühlen Kopf und ist somit das Salz in der Suppe für die „Fortitude“-Bewohner. Schließlich ist er unbefangen und kann so vermutlich am besten herausfinden, wer hier wen für was decken könnte. Zudem hat er wesentlich mehr Erfahrung in Sachen Polizeiarbeit vorzuweisen, als die „Fortitude“-Polizisten. Denn vor besagtem Vorfall war ja Friede, Freude, Eierkuchen angesagt.

fortitude_2
Sheriff Anderssen und DCI Morton bei einem „netten Kollegenplausch“

In „Fortitude“ spielen sich noch andere persönliche Dramen ab, die in Beziehung zu dem Mord zu stehen scheinen: Ein kleines Kind wird plötzlich schwerkrank, fällt ins Koma. Dan findet heraus, dass seine große Liebe – Elena Ledesma (Verónica Echegui) – mit einem Kollegen rummacht. Elena wiederum hat offenbar eine kriminelle Vergangenheit hinter sich. Ein paar Arbeiter versuchen, die Mammutteile gewinnbringend zu verkaufen – illegal versteht sich. Als wäre das schon nicht genug, spielt auch noch die Natur verrückt: Das aggressive Verhalten der örtlichen Eisbären ruft die Forscher auf den Plan.

Wir haben also eine ziemlich spannende und zugleich in gewisser Weise klassische Ausgangssituation: Ein Mord. Eine Dorfgemeinschaft, in der jeder Geheimnisse birgt. Wer jedoch glaubt, es bliebe bei einem simplen Mord durch einen gestörten Einzeltäter, wird eines Besseren belehrt: Immer wieder spielen die Macher mit mysteriösen Einschüben und am Ende ist man sich nicht sicher, ob nicht doch was dran sein könnte und ob man die vermeintlich logischen Erklärungen (die es auch gibt, wenn man sich darauf einlässt!) nicht doch ad acta legen sollte.

„Fortitude“ ist so eine Serie, die mit der Zeit nicht nur immer besser, sondern auch immer mehr an Fahrt aufnimmt – etwas, das leider nicht selbstverständlich ist. (Positiv-Beispiele der letzten Zeit sind „Breaking Bad“, „The Leftovers“ oder das ohnehin geniale „Twin Peaks“-Revival.) Die erste Staffel nimmt sich beim Erzählen sehr viel Zeit; die Charakterzeichnung steht hier im Vordergrund. Staffel zwei legt in Sachen Tempo und Action einiges drauf. Und sie wird nebenbei bemerkt noch brutaler: Wer schon bei der ersten Staffel bei der Eisbären-Szene Bauchschmerzen bekommen hat, der wird bei einer gewissen Dusch-Selbstverstümmelungs-Szene in der zweiten Staffel völlig umgehauen.

Der brillante Cast, die tolle Atmosphäre, die beeindruckenden Bilder, die packende Geschichte – das alles ist sehr stimmig. Und macht im Winter bestimmt doppelt so viel Spaß. Trotzdem: Wenn ihr Zeit habt und jetzt ebenfalls nicht widerstehen könnt, reinzuschauen: Tut es verdammt nochmal einfach. Nicht jeder muss ja so einen Winterserien-Tick haben wie ich.

Die erste Staffel von „Fortitude“ umfasst zwölf Folgen, die zweite kommt auf zehn. Sehr zu meiner Freude wurde für Ende 2018 eine dritte Staffel angekündigt, die wird allerdings nur vier Folgen lang sein und auch die letzte sein. Derzeit abrufbar über Sky Go und Sky Ticket, der SWR wiederholt die Serie im Free-TV ab dem 6. Juni in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag.  

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.