Altersarmut: Das Schlimmste kommt zum Schluss

Immer mehr ältere Menschen werden mit Armut konfrontiert: Das Leben dieser Menschen gestaltet sich oft trist und einsam, finanzielle Sorgen überschatten alles. Über ein schon jetzt akutes und sogar noch größer werdendes Problem.

„Mal ins Café gehen, so wie früher. Geht nicht“, erzählt die Frührentnerin Cornelia Kneißler (54). Wer monatlich weniger als 969 Euro in der Tasche hat, gilt in Deutschland als arm. Kneißler gilt somit als arm und lebt alles andere als ein erfüllendes Leben. Oftmals reicht das Geld nicht mal bis zur Monatsmitte, daraus ergeben sich zahlreiche Einschnitte im Alltag. Für Lebensmittel, Putzmittel und Kleidung sind fast keine Mittel vorhanden. Weil Kneißler im kleinen niedersächsischen Dorf Strücken wohnt, ist sie auf ihr marodes Auto angewiesen, das mit teurem Sprit versorgt werden will. Busse fahren in dieser Gegend nämlich so gut wie kaum.

So wie Cornelia Kneißler geht es immer mehr älteren Menschen. Neueste Zahlen der Bundesregierung belegen: Die Altersarmuts-Risikoquote ist seit 2005 von 11 auf 14,6 Prozent gestiegen und sie wird in den kommenden Jahren vermutlich noch weiter steigen, schätzen Experten.

Laut dem Statistischen Bundesamt haben 2016 rund 526.000 Rentner die sogenannte Grundsicherung im Alter bezogen. Die wird ausgezahlt, wenn jemand weniger als 823 Euro zur Verfügung hat. Seit Einführung der Alters-Grundsicherung im Jahr 2003 ist die Zahl der Empfänger bis 2015 stetig gewachsen, von anfänglich rund 258.000 auf 536.000. Der kleine Rückgang von 2015 zu 2016 ist also lediglich ein Tropfen auf einem heißen Stein. Zumal die Dunkelziffer höher liegen dürfte: „Wir gehen von einer hohen Zahl an Menschen aus, die Grundsicherung aus Scham nicht beantragen, obwohl sie eigentlich ein Anrecht darauf hätten“, sagt Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland.

Schlaflosigkeit regiert die Nacht, Einsamkeit den Tag

Nachts kann Cornelia Kneißler nicht schlafen, weil sie Existenzängste plagen. Tagsüber dominiert die Tristesse bei der 54-Jährigen, am gesellschaftlichen Leben kann sie nicht mehr teilnehmen: „Es geht gar nichts mehr, wenn das Geld nicht mal mehr fürs Essen reicht.“ Unterstützung durch Bekannte oder Familie bleibt aus, zu ihrem Sohn hat Kneißler ebenfalls keinen Kontakt mehr. Der einzige, der ihr geblieben ist, ist ihr Hund. Kneißler verbringt daher die meiste Zeit in der Wohnung vor dem Fernseher. Das Höchste der Gefühle ist für sie an manchen Tagen bereits, wenn die Verkäuferin ihr einen guten Tag wünscht. „Ich warte immer darauf, dass sich mal jemand meldet, jemand anruft.“ Oftmals wartet sie vergeblich. Kein Einzelfall, berichtet Seniorenberater Stephan Hauser vom Caritas-Zentrum Köln-Mülheim. Bei Armut bricht häufig das soziale Umfeld zusammen: „Das führt zur Vereinsamung und zum sozialen Rückzug.“

Hauser macht Hausbesuche bei Betroffenen und kennt somit das Elend der Menschen. Geld wird spätestens dann relevant, wenn die Menschen unselbstständiger werden – vor allem, wenn es um Körperpflege oder Arbeiten im Haus geht. Die in vielen Städten vorhandenen Lebensmittelausgaben, Kleiderkammern und Beratungsstellen können bei Geldnot helfen. Doch die Hilfen müssen auch angenommen werden: „Man muss mutig genug sein, sich seine Armut einzugestehen. Das erfordert ein Umdenken, Hilfe annehmen ist oftmals gerade für alte Menschen schwierig.“ Wer sich dem komplett verschließt, resigniert schlimmstenfalls und kann sogar in eine Depression verfallen: „Dann verdrecken die Wohnungen und die Menschen verwahrlosen.“

Viele Wege führen zur Altersarmut

Die Gründe für Altersarmut sind vielschichtig, im Fall von Cornelia Kneißler spielen auch Schicksalsschläge eine entscheidende Rolle. Kurz nach der Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin folgte eine schwere Alkoholkrankheit, die Kneißler aus der Bahn warf. Danach absolvierte sie eine zweijährige Umschulung zur Bürokauffrau, trotz guter Noten ließ der berufliche Erfolg auf sich warten. Erst mit einer weiteren, erneut sehr erfolgreichen Umschulung sollte 2003 der erste und einzige größere Vollzeitjob an Land gezogen werden: Bei einer Krankenkasse als Personalsachbearbeiterin, gut bezahlt.

Bis dahin weist die Erwerbsbiografie von Kneißler allerdings etliche Lücken auf. Lücken, in denen keine oder allenfalls sehr geringe Beiträge für die Rentenversicherung geleistet wurden. Die Krux: Seit 2009 wirken sich Ausbildungsjahre nicht mehr rentensteigernd aus, nur noch die Wartezeit wird angerechnet. „Das klassische Bild ‚Mit 18 oder 20 in den Betrieb und dann 40 oder 45 Jahre durcharbeiten‘ gibt es nicht mehr“, sagt Dr. Florian Blank von der Hans-Böckler-Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Kürzere Phasen der Arbeitslosigkeit sowie längere Phasen der Ausbildung sind heute üblich. Dadurch werden geringere Ansprüche für die Rente aufgebaut. Und die Ansprüche, die man sich erarbeitet hat, sind im Vergleich zu früheren Jahren weniger wert. Das hat etwas mit der Absenkung des Rentenniveaus zu tun. Hier ist laut dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) die Politik gefragt, ein Kurswechsel muss her.

Ein Rechenbeispiel: Um eine Rente in Höhe des Existenzminimums von rund 1.070 Euro zu bekommen, muss man bei einem durchschnittlichen Entgelt von brutto 2.000 Euro inzwischen 46 Jahre arbeiten – neun Jahre mehr als im Jahr 2000. Insbesondere für Menschen, die körperlich schweren Arbeiten nachgehen, ist dies nicht zu stemmen.

Der DGB fordert außerdem bessere Arbeitsbedingungen: 450-Euro-Jobs, wie sie zuhauf in der Gastronomie, Bäckerei oder im Einzelhandel vorkommen, seien eine Katastrophe: „Das ist eine Basis, von der kein Mensch leben kann. Das muss massiv bekämpft werden“, sagt Jörg Mährle vom DGB Köln-Bonn. Zudem soll der derzeitige Mindestlohn von 8,84 Euro sollte auf einen mindestens zweistelligen Betrag steigen. Auch Kneißler machte hinsichtlich der Bezahlung schlechte Erfahrungen: Keines ihrer diversen Praktika wurde entlohnt. Mit der Hoffnung, durch ein Praktikum eines Tages in eine unbefristete Stelle zu rutschen, spielen viele Arbeitgeber.

2003 hat Kneißler den Sprung in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis geschafft. Bei der Krankenkasse arbeitete Kneißler bis Mitte 2012, durch Mobbing von Kollegen wurde sie psychisch krank – und griff wieder zum Alkohol. Nach einem mehrmonatigen Reha-Aufenthalt schickte sie der Reha-Gutachter in die Rente. Denn nach erfolgloser Rehabilitation wird ein Reha-Antrag automatisch in einen Renten-Antrag umgewandelt, der Betroffene kann sich dagegen nicht wehren. Cornelia Kneißler wurde Frührentnerin. Ihre bittere Bilanz: „Ich habe immer gearbeitet, mir immer riesige Mühe gegeben. Und trotzdem sitze ich jetzt hier und kann nichts mehr bezahlen. Und warum das Ganze? Weil ich krank geworden bin.“

Altersarmut ist noch ein Nischen-Thema

Cornelia Kneißler engagiert sich nun in sozialen Netzwerken gegen Altersarmut, zum Beispiel in Facebook-Gruppen wie „Altersarmut geht gar nicht“. Damit ist sie eine von wenigen: „Die, die davon betroffen sind, haben keine Kraft mehr zu kämpfen.“ Stephan Hauser vom Caritas-Zentrum Köln-Mülheim gibt zusätzlich zu bedenken, dass das Problem bei vielen Menschen noch nicht richtig im Bewusstsein sei. Darüber, wie unsere Gesellschaft altert, sollte seiner Meinung nach verstärkt nachgedacht werden. Das finge schon mit Debatten über bezahlbaren Wohnraum oder bezahlbaren Pflegekräften an: „Altersarmut ist nur Teil eines Ganzen.“

Eines ist jedenfalls sicher: Altersarmut wird sich nicht in Luft auflösen, im Gegenteil – sie wird zukünftig noch größer sein. Laut einer Bertelsmann-Studie wird 2036 jeder fünfte Neurentner von ihr bedroht sein. Keine rosige Zukunft, auch für Kneißler nicht. In Hinblick auf ihr halb-kaputtes Auto sagt sie: „Wenn ich mein Auto nicht mehr habe, habe ich keine Chance hier wegzukommen. Noch funktioniert es ja. Vielleicht noch ein halbes Jahr, wenn überhaupt. Danach ist es vorbei, dann kann ich mir einen Strick nehmen. Das ist die Realität.“

Anmerkung: Dieser Text entstand im Rahmen des Online-Redakteur-Studiums an der TH Köln.

Ein Gedanke zu “Altersarmut: Das Schlimmste kommt zum Schluss

  1. Das Thema Altersarmut nimmt immer mehr Platz in unserer Gesellschaft ein. Menschen, die jahrelang gearbeitet haben, wissen nicht mal ihre Miete zu zahlen. Das muss ein Ende haben. Jeder sollte sich frühzeit privat absichern. Nur so kommt man aktuell um eine Altersarmut herum.

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