MTVs „TRL“ is back

Die legendäre Musikvideo-Countdownshow ist im Jahr 2017 zwar keine Musikvideo-Countdownshow mehr. Die Location, das Staraufgebot und das schreiende Publikum sind aber geblieben. Meine ersten Eindrücke von der Neuauflage bei Quotenmeter.de

„TRL“ („Total Request Live“) ist in den USA zurück – nach fast zehn Jahren hat MTV seine Nachmittags-Show wiederbelebt. Sie ist Teil der Strategie des amerikanischen MTV, sich wieder auf seine früheren Wurzeln zu besinnen, unter anderem auf das M im Namen. An musikalischen Stargästen mangelte es in den ersten Ausgaben nicht: Mit dabei waren bislang zum Beispiel Ed Sheeran, Migos, DJ Khaled, Pitbull, Lil Yachty, Rita Ora, Nick Jonas.

Nicht geändert hat sich, dass man live vom New Yorker Times Square sendet. Das jetzige Multi-Funktionsstudio kommt deutlich größer daher als das vorherige: Knapp 800 Quadratmeter Platz bietet es für Auftritte und Aktionen, somit stehen 200 Prozent mehr Fläche zur Verfügung als früher. Das obligatorisch kreischende Teenie-Publikum im Hintergrund darf natürlich genauso wenig fehlen. Schick aussehen tut das alles zweifellos, an Kosten und Mühen wurde nicht gescheut. Carson Daly, lange das „TRL“-Gesicht schlechthin gewesen, ist nicht mehr als Moderator dabei. MTV hat mehrere neue Hosts verpflichtet, die allesamt aus unterschiedlichen Richtungen kommen: von der Social-Media-Persönlichkeit bis hin zum Radio-Moderator.

Kein Platz für Musikvideos

Neben Daly fehlt noch was: der Musikvideo-Countdown – das, wofür das „R“ (= „Request“) bei „TRL“ einst primär stand. Im Jahr 2017 sicherlich nicht die verkehrteste Entscheidung. Denn wer braucht schon für seinen Lieblingsclip zu voten, wenn er ihn binnen weniger Sekunden ganz einfach im Internet abrufen kann? Genau das hat MTV offensichtlich erkannt und greift daher auf eine abgespeckte Variante zurück:

Statt einer Top 10 beschränkt man sich auf eine wöchentliche Top 5, über die via Snapchat abgestimmt werden kann – das Telefon und die Website sind Schnee von gestern. Freitags werden die Videos dann lediglich angespielt. In den Auswahlpool kommen jedoch keine Charthits, sondern von den Gästen ausgesuchte Stücke. Leider wirkt es fast so, als sei MTV von diesem Teil der Neuauflage selbst überrascht gewesen; groß beworben wird die Voting-Möglichkeit nicht. So kam es immerhin zu einem amüsanten Moment: Als Rapper Fat Joe von den Moderatoren dazu aufgefordert wurde, einen Song für die Playlist auszusuchen, erwidert dieser: „Ich habe keine Ahnung, wovon ihr redet.“ Viele Zuschauer dürften Ähnliches gedacht haben.

Premiere nach einer Tragödie

Ausgerechnet die Premiere stand unter keinem guten Stern, da sie am Tag nach einer tödlichen Schießerei in Las Vegas stattfand. Gelöst hat man diese Situation insofern, als dass man den Opfern in einem kurzen Opening-Statement gedachte. Danach wurde der Hebel aber regelrecht umgelegt und es ging munter-fröhlich weiter: „Wir werden Geschichte schreiben“ war ein Satz, den man häufiger zu hören bekam. An diesen Worten wird sich „TRL“ noch messen müssen. Die meisten Kritiken der amerikanischen Kollegen fielen jedenfalls unterm Strich negativ aus.

Zwischen Stars, Albernheiten und ernsten Themen

Im Vordergrund der 2017er-Version von „TRL“ stehen weiterhin Live-Performances und Star-Interviews, viel geändert hat sich demnach nicht wirklich. Darüber hinaus darf das Publikum vor Ort nicht nur toben und schreien, hin und wieder wird mit jenem auch (teilweise um Geld) gespielt: „Two Truths and a Lie“ inklusive Bestrafung (Torte im Gesicht, mal was ganz Kreatives) oder eine „Bottle-Flip-Challenge“ wären da etwa zu nennen.

Wenn es nicht um Albernheiten wie diese geht, dann schwingt mitunter ein leicht politischer Ton mit. In diesem Jahr hatten bereits die „MTV Video Music Awards“ ungewöhnlich viele ernste Themen angeschnitten, bei „TRL“ geht man diesen Weg als eine Art Sprachrohr für die Jugendlichen gelegentlich weiter. In der Rubrik „We didn’t ask for this“ wird zum Beispiel der verhöhnende Umgang von US-Präsident Donald Trump mit den Hurrikan-Geschädigten von Puerto Rico kritisiert. Bei „Tuition Request Live“ werden 20.000 Dollar fürs College vergeben, die ehemalige Fist Lady Michelle Obama hatte dazu ebenfalls ein paar Dinge zu sagen.

Der Erfolg bleibt aus

„TRL“ ist also wieder da – fragt sich nur, ob das Comeback von langer Dauer sein wird. Die Einschaltquoten lassen stark zu wünschen übrig: Die Premierensendung hatte lediglich 166.000 Zuschauer ab zwei Jahren vorzuweisen, in der Zielgruppe der wichtigen 18- bis 49-Jährigen stand ein Rating von 0.10 zu Buche. Schon am zweiten Tag ging’s steil bergab, übrig geblieben waren 135.000 Zuschauer und 0.07 der Werberelevanten. Am schlechtesten lief es bisher am Mittwoch, den 4. Oktober, als sich bloß 113.000 Amerikaner vor den Mattscheiben versammelten. Bei den Umworbenen ist das Rating inzwischen bei 0.05 angekommen, an manchen Tagen schaffte es „TRL“ nicht mal in die Top 150 der meistgesehenen Sendungen im Kabelfernsehen.

Neben den reinen TV-Zahlen dürfte aber vor allem die Resonanz im Netz für ein solch junges Format interessant sein, doch hier sieht die Zwischenbilanz kaum besser aus. Rund 200.000 Facebook-Likes wurden bis zum 13. Oktober gezählt, bei Instagram sind bis hierhin circa 106.000 Follower zu verzeichnen und bei Twitter ungefähr 64.200. Auf YouTube generieren Ausschnitte der Show teilweise Zuschauerzahlen im niedrigen vierstelligen Bereich. Luft nach oben ist reichlich vorhanden. Vielleicht zögert man auch deswegen hierzulande, was eine deutsche „TRL“-Version angeht: Die steht momentan nämlich nicht zur Debatte.

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